Kennenlern-Fahrt mal anders

18.10.2019 CJD Ludwigshafen-Speyer CJD Rhein-Pfalz/Nordbaden « zur Übersicht

Es ist üblich, dass zu einem Maßnahmenstart in der beruflichen Bildung eine Kennenlern- und Motivationsfahrt durchgeführt wird. In diesem Jahr ging es für die sieben Jugendlichen (sechs Jungs und ein Mädchen) der kooperativen Reha-Ausbildung Ludwigshafen auf eine kurze, jedoch intensive Entdeckungsreise durch die Entstehungsgeschichte der Europäischen Union. Montag den 30. September ging es gut gelaunt mit dem Kleinbus in Richtung Schengen, Luxemburg. Unsere Teilnehmenden kennen ausschließlich ein Europa ohne Kontrollen und Binnengrenzen. Bei der Führung im Schengen-Museum wurde auf den langen Weg der Annährung der Staaten innerhalb in der heutigen Europäischen Union eingegangen. Während der Führung fielen auch immer wieder die Namen Robert Schumann und Konrad Adenauer. Diese beiden Namen sollten die Teilnehmenden während der gesamten Fahrt begleiten. Am Ende der Führung haben sich unsere Teilnehmenden an der Skulptur der Erinnerung mit einem Schloss verewigt.

Danach ging es weiter Richtung Stadt Luxemburg. Ein Rundgang durch die heimliche Hauptstadt Europas und eine kräftige Mahlzeit rundeten den Tag ab. Danach ging es ab in die Jugendherberge nach Hollenfels, um sich vom ersten Tag zu erholen. Doch dort wartete die erdenklich größte Katastrophe für unsere Smartphone-Abhängigen. Im Zimmer, das mit sechs Jungs, mit gefühlt doppelt so vielen Handys, belegt werden sollte, gab es nur 2 – in Worten: zwei; in römischen Zahlen: II; auf luxemburgisch; zwee – Steckdosen. Die Motivation und der Akkuladestand sanken auf unter 3 Prozent. Durch den Kauf einer Steckdosenleiste im nur 20 km und 30 Minuten Fahrt über abenteuerliche Landstraßen entfernten Supermarkt wurde einer energiebedingten Unterbrechung des Datentransfers abgeholfen.

Am nächsten Tag war der Ladezustand der Teilnehmenden und der Akkus wieder bei 100 Prozent und es ging zum Europäischen Gerichtshof. In einen Vortag, der sehr nah an der Lebenswelt unserer Jugendlichen war, erhielten die Teilnehmenden einen Einblick in die Arbeit des Gerichts. In der anschließenden Führung durch den eindrucksvollen Gebäudekomplex und einer gedanklichen Reise in die Geschichte und die Entwicklung der europäischen Gerichtsbarkeit, begegneten die Jugendlichen erneut den geistigen Vätern der EU Robert Schumann und Konrad Adenauer.

Danach ging es wieder zurück in die Stadt zu einem Rundgang. Da das Wetter sich leider nicht von unser aller guten Laune hat beeinflussen lassen, hat die Gruppe beschlossen Luxemburg in Richtung der nächsten Station Bonn zu verlassen.

Eine solche Kennenlern- und Motivationsfahrt soll nicht nur die sozialen Kompetenzen schärfen, politisch bilden, sondern unsere Teilnehmenden auch kulturell nach vorne bringen. Aus diesem Grund legten wir einen Zwischenstopp in Bad Münstereifel ein und besuchten das „Heino-Café“ im alten Kurhaus. Wir alle freuten uns auf die berühmte Nusstorte, doch diese war leider ausverkauft. So begnügten wir uns mit Käse- und Streuselkuchen und der alte Mann (der begleitenden Sozialpädagoge) erzählte ein bisschen über die deutsche Musikgeschichte. Natürlich wollten sie wissen ob und wo dieser berühmte Musiker lebt. Eine Teilnehmerin glaubte sogar, dass sie ihn gesehen habe. Dies wurde doch stark angezweifelt. Wie sich aber dann herausstellte wohnt Heino tatsächlich im 2. Stock des Kurhauses. Vielleicht hatten wir tatsächlich eine Heino-Begegnung der besonderen Art.

Den dritten und letzten Tag unserer Fahrt verbrachten wir in Bonn. Zunächst besuchten wir das Wohnhaus von Konrad Adenauer. Den Teilnehmenden war aus den voran gegangenen Führungen dieser Name bekannt. Nun konnten sie selbst erleben, wie und wo der erste Bundeskanzler bis zu seinem Tod gewohnt hat. Daneben gab es auch eine Führung die darüber informierte, wie Adenauer als Bundeskanzler für die Aussöhnung mit Frankreich gearbeitet hat und gemeinsam mit den anderen Staats- und Regierungschefs die Grundlagen für die heutige Europäische Union gelegt hat.

Aufgeladen mit dem Wissen um das Deutschland in der Nachkriegszeit, ging es in das Haus der deutschen Geschichte. Dort erwartete uns eine Reise durch die Geschichte Deutschlands. Sehr bewegt waren die Teilnehmenden von der Vermisstenkartei des Roten Kreuzes. Durch den Krieg, Verfolgung und Flucht wurden Familien auseinandergerissen, die Suche erfolgte mittels Karteikarten. Der Guide schilderte sehr plastisch, wie es nach dem 2. Weltkrieg ausgesehen hat und wie die Menschen leben mussten. Mehr oder minder im Schweinsgalopp erlebten die Teilnehmenden die deutsche Geschichte: Krieg, Flucht, Vertreibung, Teilung nach dem Krieg und Wiedervereinigung 1990. Am Ende der Führung stand ohne Kommentar ein Boot. Es war ein Flüchtlingsboot. Es brachte Menschen übers Mittelmeer auf der Flucht vor Verfolgung und Krieg …

Text und Bild Ralf Wirth